bitte - danke

(ein offener Brief an Ex-Minister Platter)

bitte, werter Herr Minister, stellen Sie sich das doch einmal vor, also nur mal rein hypothetisch, in Österreich bricht Krieg aus, und nehmen wir einmal an, Sie sind gar nicht Minister, sondern ein junger Familienvater, 25 Jahre, frisch verheiratet, sagen wir Sie arbeiten in der Computerbranche und haben soeben ein Haus gebaut, auf Pump, haben ein Baby, drei Monate alt, und plötzlich bricht dieser Krieg aus, okay, ich weiß schon, was Sie jetzt denken, warum sollte denn in Österreich ein Bürgerkrieg ausbrechen, aber ist ja egal, stellen Sie es sich bloß einmal vor, was weiß ich, wer gegen wen kämpft, vielleicht randaliert eine radikale Gruppe von Gegnern der Sendung „Gut gekocht ist halb gegessen“, was weiß ich, ist ja auch wurscht, ist ja rein hypothetisch, jedenfalls bekommt die Sache eine unerwartete Eigendynamik, eskaliert plötzlich und dann herrscht Bürgerkrieg, von einem Tag auf den anderen ist kein Stein mehr an seinem angestammten Platz: politischer Umsturz, eine diktatorische Regierung übernimmt die Macht, die Wirtschaft kollabiert, sämtliche Firmen die nicht mit dem Regime sympathisieren sperren zu, auch die, in der Sie arbeiten, die Arbeitslosigkeit rast in die Höhe, in dem Dorf in dem Sie wohnen, erschießt ein Nachbar den anderen, erschießt die Frau, die Kinder, das Leben wird unsicher, und stellen Sie sich vor, Sie flüchten, Sie flüchten ins Ausland, nicht nach Deutschland, dort sind die Grenzen dicht, und nicht in die deutschsprachige Schweiz, wegen der dort herrschenden Toblerone-Inflation, Sie lassen Ihr neu erbautes Haus zurück, Ihr Auto, Ihre Freunde, Sie schnappen Ihre Frau, Ihr Baby und vertrauen sich einigen Männern an, denen Sie ein Vermögen, das Sie eigentlich gar nicht haben, dafür bezahlen, dass sie Sie und Ihre Familie über die Grenze bringen, wohin auch immer und über Nacht finden Sie sich in einem Land wieder, in dem Sie die Sprache nicht beherrschen, in dem Sie nichts haben, niemanden kennen und in dem Sie völlig fremd sind, aber: Sie sind nicht auf der sprichwörtlichen Nudelsuppe daher geschwommen, Sie können fest anpacken, stellen Sie sich das bitte vor, Sie arbeiten am Bau, Sie arbeiten wirklich schwer, Sie hausen zuerst in einem Flüchtlingslager, versuchen, die Sprache zu lernen, Sie stellen Antrag auf Asyl, Ihr Chef ist mit Ihnen zufrieden, er hilft Ihnen, Sie bekommen sogar eine Arbeitsbewilligung, später finden Sie eine eigene Bleibe, die Sie sich von Ihrem Gehalt auch leisten können, und Sie haben eine Frau, die Sie attraktiv finden, die Sie lieben, sie lieben sich in Ihrer eignen neunen, bescheidenen Bleibe, die Sie sich mühsam erspart haben, Ihre Frau wird wieder schwanger, sie beide bekommen ein zweites Kind, der Asylantrag läuft, über Jahre, Sie haben sich in Ihrem Job etabliert, die Zeit verrinnt, Ihr erstes Kind geht inzwischen in die Schule, Sie sprechen mit Ihrer Frau noch Deutsch, Ihr Kind kann diese Sprache kaum noch, Ihr Jüngstes kommt schon in den Kindergarten und kann überhaupt kein Deutsch mehr, Sie haben neue Freunde gefunden, zwischen etlichen Anfeindungen von Menschen, die meinen, Sie sollten sich gefälligst wieder heim schleichen und ihnen nicht die Arbeit wegnehmen, haben Sie wieder Freunde gewonnen, weil Ihre alten Freunde aus Österreich in alle Winde verstreut sind, Sie haben keine Ahnung, wo diese sind, Sie haben keinen Kontakt mehr zu ihnen, Sie haben nur die Hoffnung auf die Bewilligung Ihres Asylantrages, denn in den Nachrichten haben Sie gehört, dass in Ihrem Heimatland alles zusammengebrochen ist, in dem Dorf, in dem Sie gewohnt haben, herrscht noch immer Krieg, angeblich steht dort kein Haus mehr, vermutlich auch Ihres nicht, aber Sie wissen es  nicht, Unsicherheit bleibt, aber Sie versuchen neue Wurzeln zu schlagen, Ihre Kinder haben diese Probleme nicht mehr, Sie sind hier zu Hause, hier, wo Sie eigentlich fremd sind, Sie hoffen nur auf die Gewährung Ihres Asylantrages, nach sieben Jahren sollte er endlich bewilligt werden, aber dann, dann, um fünf Uhr früh.... es klopft, heftig, brutal klopft es gegen Ihre Tür, Polizisten stehen vor Ihnen, legen Ihnen Handschellen an wie einem Verbrecher, Sie sind nicht einmal richtig angezogen, Sie werden weggeschafft, haben keine Ahnung wohin, Ihre Frau darf noch ihre Sachen und ihre gemeinsamen Kinder packen, aber Sie, Sie werden alleine in ein Flugzeug gesetzt und weggebracht, alles, was Sie sich – zum zweiten Mal in Ihrem Leben aufgebaut haben – ist weg, unwiederbringlich, wo Ihre Frau ist, wo Ihre Kinder sind, wissen Sie nicht, man bringt Sie zu der Ruine Ihres Hauses und wünscht Ihnen viel Glück, der zynische Unterton ist nicht zu überhören, wann Sie Ihre Frau, Ihre Kinder wieder sehen werden, wissen Sie nicht, in Ihrem Dorf kennen Sie niemanden, nur der Nachbar, der damals die anderen erschossen hat, ist noch da, sonst niemand, Ihr Haus ist zerstört, es gibt keine Arbeit, Ihre Kinder sollen nachkommen, irgendwann, sie sollen hier in die Schule gehen, in eine Schule, in der sie dem Unterricht nicht folgen können, weil sie die Sprache nicht verstehen..... und Sie sitzen auf einem Stein, der einmal zu Ihrem Haus gehört hat, stellen Sie sich das vor, Herr Minister, ich weiß, es fällt Ihnen schwer, aber probieren Sie es doch, mit dem Wissen, dass es nichts als Schicksal war, dass nicht Sie dieser Mann sind, dieser Mann, von dem ich Ihnen erzähle, ein Mann wie Sie, Herr Minister, stellen sie sich das vor und sagen Sie mir, was Sie von dem Menschen halten, der all dies veranlasst und zu verantworten hat, sagen Sie mir das doch, Herr Minister, danke

 

 

    ©  robert anders;  07.10.2007, krido  (eine Version dieses Textes findet sich auch in der Dezember-Ausgabe von "bitte, danke & Radieschen",)