Auftritt einbeinig
Wir treten mit einem Fuß auf. Wir tun dies nahezu
gleichzeitig.
Stefan, Manuela und ich.
Nebsetu ist heute nicht nach Hause gekommen. Das ist
nicht wirklich überraschend. Es war eine Frage der Zeit, bis dies passieren
würde. Jetzt ist es soweit. Die Uhr tickt fast Mitternacht, wir sitzen in
unserem Dienstzimmer, Nebsetu ist nicht da.
Wir lehnen uns zurück. Nicht entspannt lehnen wir, zwar mit den Händen hinter den Köpfen
verschränkt, aber nicht entspannt. Wir wissen, was es bedeutet, wenn einer
nicht heim kommt. Es ist bei weitem nicht das erste Mal. Wir treten mit einem
Fuß auf. Und jeder von uns hat so seinen Grund dafür.
Der gerahmte Mann über unserem Schreibtisch lächelt etwas
glasig. Er fing den ersten Stein auf, der
geworfen wurde und legte ihn auf den Grund und er geilte sich vor den
Fernsehkameras um Bilder und er gewann, und das Geld begann zu fließen und die
Steine türmten sich zu einem Haus.
Wir müssen sie in unsere Welt hinaus geleiten, pflegte er
zu sagen, wir müssen ihnen bei ihren ersten Schritten helfen.
Was er nicht sagt.
Grau ist unser Aktenschrank und weit die Theorie.
Nebsetu ist nicht heim gekommen, sage ich ins Telefon, zu
einem, den das überhaupt nicht interessiert, weil er Nebsetu nicht kennt.
Stefan tritt mit einem Fuß auf, weil er eigentlich
Dienstschluss hätte.
Wer spricht, fragt die amtliche Stimme, die Nebsetu nicht
kennt, obwohl sie mich kennt, um zu demonstrieren, dass sie nicht einmal mich
zu kennen braucht. Ich neige meinen Kopf nach links, weil ich den Hörer an mein
linkes Ohr halte. Ich möchte nicht, dass die Stimme, die niemanden zu kennen
braucht, von oben herab zu mir spricht.
Ich wiederhole die Adresse unseres Flüchtlingsheimes,
wiederhole meine Floskel. Wir rufen zurück, sagt die Stimme die Nebsetu nicht
kennt. Stimmung und Hörer sinken. Schlecht aufgelegt, alles und jeder in diesem
Büro.
Unsere Uhr tickt, dreiviertel zwölf tickt sie, Manuela
tritt mit einem Fuß auf, um den Stuhl auf dem sie sitzt, zum Schaukeln zu
bringen. Leck, sagt sie, und dann noch
einmal. Leck. So stell ich mir den Nachtdienst heute vor.
Plötzlich lacht Stefan. Stefan lacht kurz und hämisch.
Heim, lacht er, Nebsetu ist nicht - heim - gekommen. Das hast du schön gesagt.
Das klingt gut. Das klingt besser, als: Er ist nicht nach Hause gekommen.
Das Telefon läutet. Flüchtlings-heim, melde ich mich.
Stefan lacht noch einmal, noch kürzer als zuvor. Wir brauchen alle Daten von
diesem Nebestum. Nebsetu, sage ich, Dr. Nebsetu Awanagu. Jetzt trete ich
nochmals mit dem Fuß auf. Ich hatte mich um Nebsetu zu kümmern. Jetzt kommt er
nicht heim. Ich trete am Stand. Schon seit Wochen, seit Nebsetu in unser Haus
gezogen ist.
Nach Hause, höre ich Stefan hinter mir murren, während
ich versuche, mich auf das Telefonat zu
konzentrieren und Daten durchzugeben, nach Hause wird er jetzt bald kommen.
Antrag auf Asyl, .... abgelehnt, höre ich Manuela hinter mir vollenden. Ich
weiß, dass sie Nebsetu mochte, ich weiß, warum ich nicht zuließ, dass sie sich
um ihn kümmerte. Der heutige Tag, der musste kommen. Sie hätte sich als
Versagerin gefühlt, bestenfalls. Sie wäre ihm gefolgt, im schlechten Fall. Und
es wären heute Abend zwei nicht gekommen.
Wir müssen sie an unsichtbaren Fäden ins Leben hinaus
begleiten, in unser Leben, in unsere weiße Welt, sagt das gerahmte Gesicht, in
dem sich unsere Neonröhre spiegelt. Wir müssen nur sehr acht geben, dass die
Fäden nicht reißen, denn ohne uns sind sie hilflos.
Wir drei blicken auf, fast gleichzeitig tun wir dies, und
stoßen dem verspiegelten Blick unseren gebeteten Dank für unseren Arbeitsplatz
ins Gesicht.
Was er nicht sagt.
Weit sind unsere Aktenschränke, grau die Theorie.
Wir melden uns, sobald wir was wissen, sagt die Stimme,
die Nebsetu nicht kennt.
Wir treten alle mit einem Fuß. Fast gleichzeitig tun wir dies. Manuela, weil sie sich eine
Sympathie eingetreten hat. Eine Sympathie ohne Zukunft.
Es musste kommen, dass Nebsetu nicht heim kommt. Das war
eine Frage der Zeit, bis sie ihn erwischen. Er hatte ein weißes breites Lächeln
für uns, für jeden von uns, für jeden unserer Ratschläge, die er nicht
verstand. Er zuckte die Schultern und seine langen Arme schlenkerten
nachlässig.
Und ich wusste nie, ob er meine Sprache nicht verstanden
hatte, oder ob Nebsetu einfach nur nachsichtig mit mir war, weil ich ihn nicht
verstand. Und er verschwand lächelnd durch die Türe in die Nacht, die ihn
nahezu unsichtbar machen sollte und sofort verging ihm deshalb das strahlende
Lächeln, dass ihn verraten hätte und ich stampfe mit einem Fuß auf, weil ich wusste,
dass er keine Chance hatte, keine andere als die, die er zu nutzen versuchte.
Und wenn einer von uns in sein Zimmer kam, dass Dr. Nebsetu mit Betesku, dem
Schuhmachersohn, und mit Komrücü, dem angehenden Rechtsanwalt, teilte, waren sie
wie kleine Buben, die in der Schule hinter der Klassentüre lauern und
"Dschief !" schreien, wenn der Lehrer kommt und alle lächelten und
versteckten ihre Angst hinter ihren rot gestreiften Rücken.
Stefan erhebt sich und tritt auf, mit einem Fuß, so wie
wir alle, und ich weiß, er hat es eilig, heim zu kommen, um dort noch zu retten,
was zu retten ist, und jetzt sitzt er hier fest, weil Nebsetu fehlt, Nebsetu,
der Mann mit einem Titel vor seinem Namen und den Striemen auf seinem Rücken,
der Mann mit einer Frau, die er in schwarzer Erde zurückgelassen hatte, mit
fremden Sperma in ihrer Vagina und einer Kugel in ihrem Kopf und fünf anderen
in ihrem Bauch, davon drei in ihrem ungeborenen Kind.
Was machst du mit dem Geld, das du nächtens verdienst,
fragten wir Nebsetu und er lächelte uns an, jeden von uns, zuckte wieder mit
seinen Schultern und setzte einen Fuß voran und wir wussten es, wir hatten es
überprüft, wir hatten unsere Kontakte zur Bank, Nebsetu schickte das Geld
seiner Familie, seiner Mutter, seinen Kindern, die hinter dem Rücken des durchsiebten
Bauches geflüchtet waren. Dort fand Nebsetu sie noch, als er abends heim kam,
tot gestellt wie kleine Käfer um zu überleben, mehrere Stunden lang tot
gestellt unter der toten Mutter.
Wir gaben ihm einige Adressen und traten mit dem Fuß auf,
und sagten, geh´ hin, Herr Doktor Nebsetu, geh hin und stell dich vor. Dort
nehmen sie Afrikaner, ganz sicher tun sie das. Nebsetu lächelte und nickte, als
er zurückkam, lächelte noch immer, aber er nickte nicht mehr, er schüttelte den
Kopf.
Abgelehnt, keine Aufenthaltsbewilligung, keine
Sprachkenntnisse, Herr Doktor Nebsetu, tut uns leid.
Wir traten am Stand mit dem Asylantrag.
Nein, erfuhren wir, Herr Doktor Nebsetu A. war heute
nicht im Sprachkurs. Nebsetu lächelte uns an, jeden von uns, und ging zur Post
und tätigte eine Überweisung. Es war eine Frage der Zeit. Es zählte jede Minute. Zeit war Geld. Für ihn
wie für keinen anderen. Zeit war alles. Er hatte nicht mehr viel davon.
Wir müssen, sagt das verspiegelte Lächeln engrahmig, wir
müssen die Fäden...
Schnauze , sagt Stefan, die verdammten Fäden sind Seile,
Stricke, die sich verwickeln, verknoten, die sich immer enger ziehen, um Hände
und Hälse, wir müssen sie durchschneiden, bevor sie sich erwürgen. Wir können
sie nicht ewig tanzen lassen, in unserer weißen Welt, in der wir gar keinen Tanz
der Trauer kennen. Das ist bei uns nun mal nicht vorgesehen, das ist nicht in
unserem Konzept, das können wir ihnen also gar nicht beibringen, damit erwürgen
wir sie nur, schnell ein Messer! Verstaubt sind unsere Akten nicht.
Glühend heiße Theorie verläuft im Sand.
Schnell, ein Messer, hatte Manuela noch geschrien, ich
schneid´ dich los, Nebsetu, keuchte sie, als er wieder einmal in der Nacht
unsichtbar werden wollte, Nebsetu bitte, mach dir nicht die Finger schmutzig.
Nebsetu strahlte sie an und zeigte seine weißen Handflächen. Und wurde
unsichtbar.
Geh heim, sage ich zu Stefan, entschuldige, geh nach
Hause. Stefan humpelt zu meinem Schreibtisch, ich kündige, sagt er zu mir, ich
kann das nicht mehr vertreten. Und er schlurft zur Türe hinaus.
Was heißt, du kündigst, brüllt Manuela ihm nach, was
heißt du kündigst, heißt das, das du auch emigrierst, ja, heißt es das, gehst
du nach Afrika, ja, gehst du? Oder glaubst du es ist erledigt damit, dass du
kündigst? Irgendwer muss doch diesen Scheißjob hier tun, Stefan. Hau ab, aber
hau ab nach Afrika.
In diesem Augenblick läutete das Telefon. Ihr Auftritt,
bitte, Stefan bleibt stehen ohne sich umzudrehen, Manuela bringt die vier Beine
ihres Sessels zum Stehen.
Die Stimme, die Nebsetu gar nicht kennt, meldete sich.
Wir haben ihn gefunden, sagte sie. Hat
er noch persönliche Sachen? Wir schicken wen vorbei.
Wir treten mit einem Fuß auf, mehr geht leider nicht.
Stefan, Manuela und ich, treten mit einem Fuß, wie sollen wir da auch tanzen?
Wir sind, lacht Stefan, kurz, wie das so seine Art ist, wir sind die Störche
der Nation.
Wir treten am Stand. Er schmeißt einen Radiergummi gegen
die kahle Wand und der Gummi nimmt Anlauf und verspringt sich in das spiegelnde
Bild, das Lächeln zerbricht und fällt hinter den Schreibtisch. Schiff versenkt,
sagt Stefan.
Hau ab, sage ich.
Manuela schweigt, auf einem Bein, aber betreten.